Archäologisches Freilichtmuseum Groß Raden

Archäologisches Freilichtmuseum Groß Raden

Archäologisches Freilichtmuseum Groß Raden


Für Prof. Dr. Ewald Schuldt sollte es eine Lebensaufgabe werden, denn nur wenige Wochen nach der Eröffnung des von ihm ins Leben gerufenen Museums musste die Fachwelt den Tod des Mannes beklagen, der wie kein anderer Licht in das Dunkel der frühgeschichtlichen Besiedlungsgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns gebracht hat. Als Leiter des Schweriner Museums für Ur- und Frühgeschichte leitete er unzählige Ausgrabungen und konnte sich so ein detailliertes Bild über das Leben der früheren Bewohner der Region machen, was sich unter anderem in der von ihm erarbeiteten Typologie der slawischen Keramik niederschlug. Sein archäologisches Meisterstück wurde der Burgwall bei Groß Raden, den man dank seiner Anstrengungen als Freilichtmuseum erkunden und einen Ausflug in die Geschichte Mecklenburgs machen kann. Was für uns heute die Autobahnen sind, waren für die Slawen die Flüsse, Wege, auf denen man bequem durch das Land reisen kann. Entsprechend häufig findet man Siedlungen an Flussufern und Seen, so auch an der Warnow, welche sich ihren Weg durch das Mecklenburger Land zur Ostsee sucht.

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Für die Warnower, einem Stamm der Obotriten, war ganz besonders eine Insel interessant, die sich in einem See befand, der durch die Mildenitz gespeist wurde, die sich ein Stück weiter mit der Warnow verbindet. Als Prof. Dr. Ewald Schuldt in den 70ér Jahren seine Ausgrabung vornahm, brauchte er schon sehr viele Erfahrungen, um sich einstige Aussehen der Burganlage vorstellen zu können. Was er damals vorfand, war eine Halbinsel mit einem Burgwall, der deutlich sichtbar von seiner früheren Funktion zeugte, welche vor über tausend Jahren einen anderen Anblick geboten hat, denn im Laufe der Jahrhunderte ist die Umgebung der Insel verlandet, so dass nach und nach aus der einstigen Burgwallinsel eine Halbinsel entstand, die sich mit der ursprünglichen Landzunge verband, auf der sich die einstige Siedlung der Slawen befand. Gleich zwei glückliche Zufälle sollten den Ausgrabungen entgegenkommen, denn nicht nur die Nutzung als Weideland sollte die im Erdreich verborgenen Siedlungsreste schützen, auch der relativ hohe Grundwasserspiegel sorgte für eine optimale Erhaltung des verwendeten Bauholzes.

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Etwa siebentausend Quadratmeter wurden durch Prof. Dr. Ewald Schuldt und sein Team freigelegt und der Aufbau des Burgwalls untersucht. Dabei konnten die baulichen Spuren zweier Siedlungsphasen gefunden werden, welche später durch Nachbauten an ihrer ursprünglichen Position wieder aufgebaut wurden. Nach den Erkenntnissen der Archäologen begann die Besiedlung der Halbinsel im Laufe des 9. Jahrhunderts, nachdem die Bewohner ihre bei Groß Görnow gelegene Burg aufgegeben hatten. Diese wurde wohl ihrer Aufgabe als Fluchtburg nicht mehr gerecht, so dass die durch drei Seiten des Sees geschützte Landzunge eine bessere Alternative darstellte. diese trennte man durch einen mehrere Meter breiten Wassergraben vom Festland und versah die hinter dem Graben gelegene Vorburg mit einem Palisadenzaun aus Eichenstämmen und einem Tor, der den einzigen Zugang zur Burganlage darstellte. In den Bau der seeseitigen Befestigung steckte man weniger Kraft und Mühe, denn hier fand man bei den Ausgrabungen nur relativ einfache Zäune aus Flechtwerk, welche potentielle Angreifer fernhalten sollten. Durch die in der Vorburg befindliche Siedlung führte ein Bohlenweg bis zur Brücke, die über den See zur Insel führte, auf der ursprünglich noch kein Burgwall, sondern mehrere Flechtwandhäuser zu finden waren.

Eine Vorstellung über das Aussehen dieser Gebäude erhält man auf der westlich vom Bohlenweg befindlichen Seite, wo mehrere Flechtwandhäuser aufgebaut wurden. Ein Blick in die nur etwa fünf mal vier Meter großen und zwei Meter hohen Häuser , die nur über eine kleine Feuerstelle verfügten, lässt die einfachen Bedingungen nur erahnen, unter denen man im 9. Jahrhundert noch leben musste. Aus dieser Zeit stammen auch die Reste einer kleinen Tempelanlage, die man im Südosten der Halbinsel errichtet hatte. Elf Meter lang und sieben Meter breit ist die einstige Kulthalle, deren Seitenwände aus Bohlen bestanden, deren oberes Ende eine menschliche Kopfdarstellung zierte. Darüber, ob diese Kulthalle über ein Dach verfügte oder nicht, streiten sich die Archäologen immer noch, in der derzeitigen Rekonstruktion schützt jedenfalls ein hölzernes Dach die Besucher des Tempels. Durch das Vorhandensein eines Tempels geht man davon aus, dass es sich bei der Burg von Groß Raden um einen slawischen Marktort gehandelt haben könnte, wovon auch die zahlreicher Handwerker zeugen, welche zu dieser Zeit hier ansässig waren und die Häuser in der Vorburg bewohnten. Die Ursache für den Brand, der die Siedlung um das Jahr 900 zerstörte, ist nicht bekannt, dank des Feuers veränderte der Tempelort aber sein Gesicht deutlich.

Beim Wiederaufbau beschloss man den Standort des Tempels zu verlegen und errichtete ihn auf der Insel, wo man ihn mit einem hohen Wall umgab. Wie ein slawischer Burgwall aufgebaut war kann man seit dem Jahre 2009 sehen, als das rekonstruierte Tunneltor fertiggestellt und auch das ihm umgebene Stück Wall als Holz-Erde-Wall realisiert wurde, für die man eine Holzkistenkonstruktion mit Erde auffüllte. Im Laufe der Jahrhunderte verrottete das Holz der Slawenburgen, übrig blieb nur die verwendete Erde, welche noch heute die Plätze als Burganlagen erkennen lässt. Dass man auch bei schon erfolgten Rekonstruktionen neuere Erkenntnisse einfließen lassen kann, sieht man am veränderten Aufbau der Wallkrone, wo der bei der Einweihung vorhandene überdachte Wehrgang einem offenen Exemplar weichen musste. Darüber wie der Burgwall von Groß Raden aussah, gibt es keine Erkenntnisse, so dass diese Entscheidung wissenschaftlichen Erkenntnissen geschuldet sein dürfte. Verschwunden ist auch der hölzerne Turm, über den die Besucher einst in den Burgwall gelangen konnten. Zum einen war dieser alles andere als historisch korrekt, zum anderen war der doch recht schnell verrottete Zugang ein guter Grund um die kostenintensive Rekonstruktion des Tunneltores, durch das man nun wie die früheren Bewohner in das Innere der Burg gelangen kann.

Um zum Tor zu kommen, musste man eine Brücke überqueren, die über ein mittig gelegenes Brückenhaus verfügte, deren Wächter den Zugang zur Insel und damit auch zum Tempel kontrollierten. Letztendlich haben aber auch die etwa zehn Meter hohen Wälle ihren Zweck nicht erfüllt, denn nach einem um das Jahr 1000 nachgewiesenen Angriff wurde die Burg und die dazugehörige Siedlung zerstört und endgültig aufgegeben. Die Forschung nimmt mit hoher Wahrscheinlichkeit den Feldzug Otto III. gegen die im heutigen Mecklenburg ansässigen Obotriten an, der nachweislich im Jahre 995 stattgefunden hat. Die Häuser der zweiten Siedlungsphase wurden auf den Resten der vorherigen Bebauung errichtet, man ersetzte aber die vorherigen Flechtwandhäuser durch Blockhäuser, die nicht nur deutlich größer, sondern auch komfortabler waren. So groß wie die germanischen Langhäuser waren sie zwar nicht, im Vergleich zu den früher errichteten Gebäuden, hatten die im 10. Jahrhundert errichteten Häuser nicht nur mehr Platz zu bieten, sie verfügten auch über zwei Räume. Aus der Zeit des 10. Jahrhunderts stammen auch die rekonstruierten Werkstätten, die mit nachgebildeten Werkzeugen aus dieser Zeit einen Einblick in das Leben der damaligen Handwerker ermöglichen.

Einen Einblick in die Zeit lassen auch die zahlreichen Funde zu, die bei den Ausgrabungen gefunden worden sind. Einige davon kann man im Museum bewundern, für alle Stücke hätte der Platz im Museum nicht ausgereicht, denn deren Anzahl ging in die Tausende. Meistens findet man nur Scherben, in Groß Raden sollten es über hundert Tongefäße sein, welche vollständig erhalten die Wirren der Zeit überstanden. Wie die seltenen Überreste des Tempels, durch die man sich ein detaillierteres Bild von diesen Bauwerken machen konnte, blieben auch andere Fundstücke aus Holz gut erhalten. Hierzu gehören eine Egge, mit der die slawischen Bauern ihre Äcker auflockerten, eine Hechtstülpe, mit der die Fischer auf einst Fischzug gingen, eine Ölpresse sowie ein Schild, mit dem sich die slawischen Krieger bei kämpferischen Auseinandersetzungen schützen konnten. Im Museum sind aber nicht nur Funde aus Groß Raden zu sehen, sondern auch einige hochkarätige Schatzfunde, die bei Grabungen an anderen Orten gefunden wurden.

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Adresse

Kastanienallee – 19406 Groß Raden

Internet

www.freilichtmuseum-gross-raden.de

Öffnungszeiten

Montag bis Sonntag 10:00 – 17:30 Uhr (April bis Oktober)
Dienstag bis Sonntag 10:00 – 16:30 Uhr (November bis März)