Festung Poel

Festung Poel

Festung Poel


Wenn man mit dem Fährschiff von Wismar aus kommend den Hafen von Kirchdorf auf der Insel Poel anläuft, wird man auf der westlichen Seite des sogenannten Kirchsees, der übrigens kein See ist, sondern die Bucht im Süden der Insel, den Turm der Dorfkirche entdecken. Dieser schaut nur mit seiner Spitze aus den Wipfeln der umstehenden Bäume heraus, da die Kirche von einem Wall umgeben ist, der aufgrund seiner auffälligen Formgebung den aufmerksamen Besuchern seine ursprüngliche Funktion zu erkennen gibt. Bei dieser auffällig geformten Wallanlage handelt es sich um die wenigen noch sichtbaren Überreste der ehemaligen Festung Poel, mit der einst die mecklenburgischen Herzöge die Zufahrt nach Wismar durch die Wismarer Bucht militärisch sichern wollten. Viel Glück hatten sie nicht mit ihrem Bollwerk, denn schützen konnte diese Festung ihre Macht nicht. Um die Geschichte der Festung zu verstehen, muss man etwas weiter in die Geschichte Mecklenburgs zurückblicken.

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Der Ursprung der Festungsanlage bestand aus einem kleinen Jagdschloss, welches sich der mecklenburgische Herzog Johann Albrecht I. im Jahre 1562 auf der Insel Poel errichten ließ. Dieser residierte zu dieser Zeit noch in der Stadt Wismar und ließ un Mitte des 16. Jahrhunderts den Fürstenhof neben der Georgenkirche errichten, welchen er nach seiner Hochzeit mit der preußischen Prinzessin Anna Sophie bezog. Zu dieser Zeit konnte man auf der Insel Poel noch große Waldflächen finden, die sich im Besitz des Herzogs befanden und ein hervorragendes Jagdrevier abgaben. Das einstige Jagdschloss befand sich in der Nähe des Dorfes Kirchdorf, dessen Kirche sich im Südwesten befand, in unmittelbarer Nähe des Schlosses. Die Kirche selbst ist das älteste Bauwerk der Insel. Während das gotische Langhaus aus dem 14. Jahrhundert stammt, ist der Kirchturm mit seiner romanischen Formgebung schon Mitte des 13. Jahrhunderts belegt. Dass die Kirche später ein Teil einer Festungsanlage wurde, ist einem Enkelsohn von Johann Albrecht zu verdanken, welcher den Standort des inzwischen zerfallenen Jagdschlosses für einen Festungsbau nutzen wollte.

Adolf Friedrich I. erkannte die strategische Lage der in der Wismarer Bucht befindlichen Insel Poel für die Kontrolle der Hafeneinfahrt, der für die Wirtschaft seines Herzogtums wichtigen Hansestadt Wismar. Hierfür beauftragte er Gerhart Evert Pilooth Pläne für die Festung zu erstellen und die Anlage dann zu errichten. Gerhart Evert Pilooth ist übrigens derjenige Baumeister, welcher für den ersten größeren Umbau des Schweriner Schlosses verantwortlich war. Das Lange Haus und das Bischofshaus mit ihrer auffälligen Gestaltung mit Terrakottaplatten haben sich bis heute erhalten und geben den Besuchern ein Zeugnis seiner Baukunst ab. Im Gegensatz zum Schweriner Besuchermagneten, kann man heutzutage auf der Insel Poel außer den Wällen keinerlei Spuren der ehemaligen Festungsanlage ausmachen, wenn man von den Fundamenten absieht, welche sich tief unterhalb des Rasens erhalten haben sollen.
 

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Schlosswall Poel

im Schlosswall der Festung Poel

 
Anhand der Fundamente konnte man bei Ausgrabungen die Ausmaße und Standorte der jeweiligen Gebäude der Festung feststellen. Das zweistöckige Schloss im Stil der Renaissance hatte die Ausmaße von zweiundvierzig Metern Länge und fünfzehn Meter Breite. Zudem krönte der Bau ein Turm von fünfzig Metern Höhe. Das Schloss befand sich innerhalb der Wallanlagen in der östlichen Hälfte, während auf der Westseite ein vierunddreißig Meter langes Back- und Brauhaus und ein Wagen- und Stallhaus befand, in welchem ie Bediensteten des Herzog ihre Unterkünfte hatte. Die Position des Back- und Brauhauses kann man heute an der Freilichtbühne erkennen, welche an dessen Position errichtet wurde. Während das Schloss frei stand, waren die anderen beiden Gebäude die sich im Schlosswall befanden direkt an die Wallanlagen gebaut. Wenn man heutzutage diesen Teil der Anlage betritt, passiert man den Standort des ehemaligen Torhauses. Dieses war ein Bestandteil des elf Meter hohen Wallanlagen, welche fünf Bastionen besaß und nur über zwei Zugbrücken erreichbar war, welche über die fünfzehn beziehungsweise acht Meter breiten Gräben führten, welche die Wälle umgaben, von denen man heutzutage keine Spuren mehr sehen kann.

Genauso wenig Spuren hat übrigens auch der Schlossgarten hinterlassen, welcher sich im Süden der Festungsanlage befand. Wenn man heute die Wiese sieht, wo dieser sich eins befand, ist es schwer vorstellbar, dass hier einst die mecklenburgischen Herzöge lustwandelten. Beim Schloss befand sich auch ein Landungssteg, an welchem die Herzöge mit ihren Yachten anlegen konnten, wenn sie mit diesen aus Wismar anreisten. Die Position des Wassertores kann man an der Form des Walles ausmachen. Hier lohnt es sich den ehemaligen Schlosswall zu besteigen und an die südlichste Stelle zu gehen. Von hier aus kann man über den Kirchsee und die Wismarer Bucht bis zur Hansestadt Wismar blicken, wo man bei klarer Sicht auch die Türme der Kirchen sehen kann. Diese Aussicht lässt in etwa erahnen, welchen Blick man vom einstigen Turm des Schlosses gehabt haben muss, der etwas höher als der Kirchturm war.

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Die Dorfkirche von Kirchdorf wurde bei der Planung des Hornwerkes einbezogen, welche das Schloss zur Landseite schützen sollte. Da Gerhart Evert Pilooth das Gotteshaus nicht abreißen oder umwidmen durfte, musste er den vorhandenen Platz anders nutzen. Dafür errichtete er an den beiden Längsseiten der Kirche zwei Gebäude. Im Norden befand sich die Hauptwache, welche auch die Wohnung des Festungskommandanten beherbergte, und im Süden die Kaserne. Wenn man sich die Außenmauern der Kirche genauer betrachtet, wird man auch noch heute einige Spuren der ehemaligen Bebauung erkennen können. Im Westen der Vorburg befanden sich die Stallgebäude, im Norden das Provianthaus und das Torfhaus. An der Stelle wo man auch heute noch die Anlage betritt befand sich das äußere Torhaus, das innere Torhaus war ein paar Meter weiter südlich, etwa dort wo sich heutzutage das Tor zum Friedhof befindet. Vom ehemaligen Graben, der laut Angaben der Archäologen zweiundvierzig Meter breit und zwei Meter tief war fehlen heute jegliche sichtbare Spuren. Eine Vorstellung, wie die Anlage einst ausgesehen hat, bekommt man entweder auf der Informationstafel direkt am Eingang der Festungsanlage oder im Heimatmuseum von Kirchdorf, wo man für die Besucher ein begehbares Model errichtet hat.
 

das Panorama der ehemaligen Festung Poel

Blick auf die ehemalige Festung Poel

Die Bauarbeiten für die Festung begannen im Jahr 1614 und dauerten etwa sechs Jahre. Für dieses Jahr ist auch ein Aufenthalt des schwedischen Königs Gustav II. Adolf belegt, der den mecklenburgischen Herzog auf seinem neuen Schloss besuchte. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Dreißigjährige Krieg schon angefangen, welcher große Teile Deutschlands verwüstete. 1627 nützten die Dänen die Festung als Quartier für den Rückzug nach Dänemark. Die mecklenburgischen Herzöge unterstützten den dänischen König im Kampf gegen die kaiserlichen Truppen, weshalb General Wallenstein während des Krieges nicht nur die Festung Poel eroberte, sondern diese 1628 zusammen mit dem gesamten Herzogtum Mecklenburg vom deutschen Kaiser zum Lehen bekam. Die eigentlichen mecklenburgischen Landesherren, welche vom Kaiser des Landes verwiesen wurden, hatten also gerade mal sieben Jahre in Besitz. Im Jahre 1631 eroberten die schwedischen Truppen die Insel samt Festung zwar zurück, ließen diese sich im Gegenzug aber von den mecklenburgischen Herzögen abtreten. Somit begann die jahrhundertelange schwedische Herrschaft über einige Teile Mecklenburgs, welche später im Westfälischen Frieden festgeschrieben wurde.

Die einstige Großmacht Schweden musste aufgrund ihrer recht geringen Bevölkerungsgröße ihre neuen Besitzungen befestigen und begann damit schon nach der Überschreibung durch die Mecklenburger Herzöge. Die Stadt Wismar war zu dieser Zeit die größte Festung der Welt, eine Tatsache welche den Nachbarländern Dänemark und Brandenburg nicht passte, weshalb es letztendlich zu kriegerischen Handlungen kommen musste. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kann man das Ende der Festung festschreiben, welche mehrfach von fremden Mächten erobert und schließlich von den Schweden ihrem Verfall preisgegeben wurde. Um das Jahr 1700 herum stürzte der Turm des Schlosses ein, der Rest der Anlage verfiel immer mehr. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die kläglichen Überreste der einstigen Festung als Steinbruch genutzt und zahlreiche Häuser im Zentrum von Kirchdorf mit dem so gewonnenen Baumaterial errichtet. Einzig die Kirche blieb erhalten, wobei aber die von Pilooth hinzugefügten Anbauten entfernt wurden. Und so kann man sich erklären, warum sich die mittelalterliche Dorfkirche von Kirchdorf inmitten einer imposanten Wallanlage befindet.